Becker 1985: Wie Wimbledon eine ganze Generation prägte
Boris Beckers – Boris Becker gewann am 7. Juli 1985 als 17-Jähriger Wimbledon und wurde zum Superstar – zugleich löste sein Triumph in Deutschland einen neuen Heldenhunger aus. Die Geschichte verbindet das Bild eines jungen Wilden auf dem Rasen mit dem Zeitgeist: charismatisc
Wenn er an diesem 7. Juli 1985 den Ball ansetzte, wirkte es wie ein Blitz aus einer anderen Welt. Wimbledons Rasen brachte den 17-Jährigen aus der Startposition in einen Zustand, der mehr nach Kampf als nach Spiel aussah. Rotblonder Schopf. ein hartes Stöhnen bei jedem Ballwechsel – dann dieses „Joa!!“. das mehr nach Trotz klang als nach Höflichkeit. Er rannte, hechtete, prügelte den Ball so stark, dass man sich beim Gerät fast schon entschuldigen wollte. Und am Ende stand das: Boris Becker siegte auf Wimbledon – mit einer Gewalt. die man so vorher nicht erlebt hatte und nie so wiedersehen sollte.
Am Tag nach dem Tennis-Triumph stand Wimbledon nicht nur noch auf den Sportseiten. WELT berichtete auf der Titelseite und zitierte aus den Glückwünschen des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er schrieb: „Wir alle haben Ihre Spiele in den letzten Tagen mit begeistertem Herzklopfen und den Höhepunkt heute Nachmittag mit atemloser Spannung verfolgt. Ich habe die Sicherheit bewundert. mit der Sie sich durchgesetzt haben. und beglückwünsche Sie zu dem großartigen Erfolg und Ihrer sportlichen Leistung und Haltung.“.
Doch Wimbledon passte in jener Zeit eigentlich nicht zu der Art Tennis, mit der Becker die Leute fesselte. Der Turnierkalender war fester Bestandteil der englischen Oberschicht, Wimbledon galt als Oase der angelsächsischen Zivilisation. Adel und Großbürgertum trafen sich, nutzten die Gelegenheit bei Champagner mit Erdbeeren für Klatsch und Small Talk. Und dann kam ein 17-jähriger Deutscher. der alle Klischees erfüllte. die Briten den „Teutonen“ zuschrieben – und trotzdem etwas anderes auslöste: Er wurde spontan ins Herz geschlossen.
In England machten vor allem die Art, wie er grinste und „Hallo, ich bin hier“ ausstrahlte, den Unterschied. Dazu kam die Beobachtung. dass der Junge auf dem Platz alles herausließ. was einem Gentleman in der Vorstellung meist verboten ist. In Deutschland war die Stimmung ohnehin bereit für einen neuen Helden.
Fußball. der Nationalsport. hatte ein Bild geliefert. das viele abstieß: Bundesligateams zeigten in Stadionruinen oft genug uninspirierte Tretereien. die Spielstätten blieben häufig beinahe leer. Nach den Spielen drohte für friedliche Zuschauer die Gefahr, von Hooligans „gratis ein paar Hiebe“ zu bekommen. In der Leichtathletik gab es zwar Figuren wie die Hochspringerin Ulrike Meyfarth und auch der Schwimmer Michael Groß war populär. Aber eine echte Gefühlswelle löste das nicht aus.
Tennis dagegen funktioniert anders als Mannschaftssport. Es ist Einsamkeit in einem persönlichen Duell: Ballwechsel für Ballwechsel. Punkt für Punkt. Satz für Satz. Match für Match. Ein Boxer darf in der Rundenpause noch mit dem Trainer sprechen. ein Tennisspieler bleibt auf dem Court völlig allein mit sich und dem Gegner. Genau diese Struktur machte es so geeignet für große Momente.
In der Bundesrepublik hatten Spieler wie Michael Westphal und Andreas Maurer dafür gesorgt. dass auf dem Platz „nichts Bemerkenswertes“ passierte. Mit Becker begann das große Drama. Da war sein Stil: an der Grenze zur Brutalität. immer mit vollem Einsatz. immer in der Gefahr. psychisch abzustürzen. Mit Becker kam in Deutschland die Redewendung „Ich war mental nicht gut drauf“ in den Alltag. Dazu seine Jugend: Dass jemand mit 17 Jahren den Ruhm über Nacht kaum verkraften konnte. sorgte bei einigen für echte Sorge. Andere schrieben Artikel. die echte Anteilnahme vortäuschten. aber in Wahrheit davon lebten. dass ein Mensch „an der Grenze des Zusammenbruchs“ spielte.
Auch abseits des Platzes wirkte Becker für viele „linkisch“: ein Junge aus Leimen. also aus dem Inbegriff der Provinz. über den man sich erhaben fühlen durfte – obwohl er Herausragendes leistete. Sportlich war er dagegen ein Geliebter der Zeit. „Nie davor und nie danach“ habe Tennis so viele Charismatiker versammelt wie in dieser Epoche. Der Amerikaner John McEnroe sei ein Beispiel gewesen: kein bisschen athletisch. aber immer im Angriff. ob er den Gegner wegfegte oder Zuschauer und Schiedsrichter anschrie. Der Tscheche Ivan Lendl galt als besessener Asket. bei dem man vermutlich einen Tennisball gefunden hätte. wenn man den Kopf aufgeschnitten hätte. Der Tscheche Miroslav Mecir machte mit Passierbällen Eindruck – bis er psychisch zusammenbrach und kaum mehr aufschlagen konnte. Dazu Mats Wilander und Stefan Edberg aus Schweden.
Erst an diesen Rivalen wurde für viele klar, wer oder was Boris Becker wirklich war. Er drosch sich mit ihnen in Melbourne. Paris. London. New York oder irgendwo sonst auf dem Planeten die Bälle um die Ohren – und Teile der westdeutschen Jugend eiferten ihm nach. Das Drama im Vorort-Verein mochte nicht ganz so groß ausfallen wie bei einem Grand-Slam-Turnier. Aber die Einsamkeit ließ sich auch auf dem letzten Ascheplatz erleben. Ob danach ein Millionenpublikum für ein Interview vor einem saß oder ob das Publikum nur eingebildet war. machte für den Moment kaum einen Unterschied.
Im Fernsehen erschien der Held als jemand. der Grand-Slam-Turniere und Davis-Cup-Schlachten gewann. aber auch verlor – und dann mit sich selbst schimpfte: „Mann. der Ball soll drüber übers Netz. drüber!“ Sein Weg ging weiter. 1991 verlor er das Finale in Wimbledon gegen Michael Stich. Als Stich ruhig blieb, wurde deutlich, dass er Becker „unmöglich beerben“ konnte. Becker spielte weiter bis zum 30. Juni 1999, als er in Wimbledon im Achtelfinale ausschied.
Längst waren die Charismatiker um ihn herum nicht mehr da. Stattdessen dominierte mit Pete Sampras ein Spieler allein den Sport.
Die Frage. ob man Beckers Privatleben überhaupt aufrollen müsse. stellt sich in der Erzählung nicht als Pflicht. sondern als Bruchlinie. „Gebietet es die Chronistenpflicht?“ heißt es dort. Becker habe ja „nie eins besessen“. Er sei von Beginn an ein gläserner Star gewesen; persönliche Angriffe und Heuchelei seien seine ständigen Begleiter geblieben. Vielleicht wären sie auch dann nicht verschwunden, wenn er sich abseits des Platzes weniger Fehler geleistet hätte.
Trotz allem blieb ein Bild hängen: der 17-Jährige, der 1985 in Wimbledon mit einer Urgewalt den Sieg errang, „die niemand vorher erlebt hatte“. So etwas sei nur den allerwenigsten Menschen vergönnt.
Und dann ist da noch eine Szene, die das Echo des Sieges in einem ganz anderen Maßstab zeigt. Philip Cassier war als Elfjähriger so entflammt, dass er glaubte, bei jedem Match mit auf dem Platz zu stehen. Nach dem Finale spendierte ihm seine Mutter einen Eisbecher. Er hatte ihn sich verdient.
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