75 Jahre Wiener Festwochen: Wenn Plakate Geschichte schreiben

Das MAK widmet den Wiener Festwochen zum 75. Jubiläum eine beeindruckende Ausstellung. Rund 80 Plakate dokumentieren den visuellen Wandel von der Nachkriegszeit bis heute.
Die Wiener Festwochen sind weit mehr als ein bloßes Kulturfestival; sie sind ein Spiegelbild der österreichischen Identität. Aktuell zeigt das MAK mit der Ausstellung „Hype und Hochkultur“ eine faszinierende Zeitreise anhand von rund 80 Plakaten, die 75 Jahre Wiener Festwochen in den Fokus rücken.
Die Ausstellung im Untergeschoss des Museums am Stubenring ist zwar räumlich kompakt gehalten, entfaltet jedoch eine enorme visuelle Kraft.. Wer durch die Gänge schreitet, begegnet nicht nur längst vergangenen Spielzeiten, sondern erkennt auch die grafische Handschrift ganzer Generationen.. Dabei wird schnell deutlich, dass diese Plakate weit mehr sind als bloße Werbeträger: Sie sind Zeugnisse eines gesellschaftlichen Wandels.
Ein Spiegel der Zeit – oder doch nicht?
Der aktuelle Intendant der Wiener Festwochen, Milo Rau, brachte es bei der Eröffnung treffend auf den Punkt: Die Präsenz der Plakate im Wiener Stadtbild ist seit Jahrzehnten ein prägendes Element.. Interessant dabei ist, wie sehr unser Bild der Vergangenheit durch diese Entwürfe geprägt wird.. Rau bemerkte schmunzelnd, dass man sich beim Blick auf die Exponate manchmal komplett in der zeitlichen Einordnung täusche – vor allem die grafisch oft eigenwilligen 1980er-Jahre wirken heute oft wie eine ästhetische Zeitkapsel.
Besonders spannend ist der Blick auf das Jahr 1951.. Damals, in einem Wien, das noch unter der Kontrolle der Alliierten stand, schuf Victor Slama das erste Festwochen-Plakat.. Es zeigt einen barocken Putto vor der Stadtsilhouette – ein Motiv, das heute fast schon deplatziert wirkt, damals jedoch ein klares politisches Signal war.. Wien sollte nach den Gräueln der NS-Zeit nicht als experimentelle Avantgarde, sondern als verlässliche, traditionsbewusste Kulturstadt wahrgenommen werden.. Es war ein Wunsch nach Normalität, der sich direkt in die Grafik einschrieb.
Von der Tradition zur Provokation
Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich der Stil fundamental.. Während in den Anfangsjahren konservative Eleganz dominierte, spiegeln spätere Plakate die politischen Aufbrüche der Stadt wider.. Die Arena-Besetzung von 1976 oder das legendäre Falco-Konzert 1985 hinterließen tiefe Spuren im visuellen Gedächtnis der Stadt.. Auch die Zusammenarbeit mit der Agentur Demner, Merlicek & Bergmann markierte einen Wendepunkt, als unter der Ära Luc Bondy plötzlich die bewusste Provokation als Marketinginstrument für Hochkultur entdeckt wurde.
Warum ist diese Retrospektive heute so wertvoll?. Weil sie uns zeigt, wie Kulturinstitutionen versuchen, ihre Relevanz in einer sich ständig verändernden Öffentlichkeit zu behaupten.. Ein Plakat ist immer ein Kompromiss zwischen künstlerischem Anspruch und dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit in einer überreizten Stadt zu erregen.. Wenn wir heute auf die Plakate von 2006 blicken – etwa das Motiv mit dem die Augen verdrehenden Mozart und Freud –, verstehen wir, dass Kultstatus oft erst mit dem nötigen zeitlichen Abstand entsteht.
Die Ausstellung im MAK bietet damit eine seltene Gelegenheit, nicht nur die Geschichte der Festwochen, sondern die visuelle Evolution Wiens nach 1945 zu verstehen.. Dank der Aufarbeitung durch die Wienbibliothek, die jüngst das Archiv der Festwochen übernommen hat, sind diese Dokumente nun für die Nachwelt gesichert.. Es bleibt die Erkenntnis: Ein Plakat ist nie nur Papier.. Es ist das Gesicht einer Ära, das uns bis heute daran erinnert, wie Wien sich selbst sehen wollte – und wie es sich tatsächlich veränderte.