Vorwurf Führungsversagen: was an der Herzklinik hängen bleibt

Eine Untersuchungskommission sieht eklatantes Führungsversagen und prüft, wer wann was wusste – von der Klinikleitung bis zur Aufsicht.
Ohne eklatantes Führungsversagen auf allen Ebenen hätte es die schockierenden Verfehlungen in der Herzklinik des Zürcher Universitätsspitals nie gegeben.. Weder die zu hohe Sterblichkeitsrate noch das unzulässige Experimentieren an Patienten.. Zu diesem Fazit ist eine vom früheren Bundesrichter Niklaus Oberholzer geleitete Untersuchungskommission gekommen.. Angesichts dieses Fazits stach letzte Woche besonders ins Auge, wer nicht da war, als das Spital die Ergebnisse öffentlich machte.. Zu den grossen Abwesenden gehörten neben dem früheren Klinikdirektor Francesco Maisano auch
all jene, die während der Jahre 2016 bis 2020 die Leitungs- und Aufsichtsfunktionen innehatten: der damalige CEO Gregor Zünd, der damalige Spitalratspräsident Martin Waser und der ehemalige kantonale Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) sowie seine Nachfolgerin Natalie Rickli (SVP).. Zünd war im Sommer 2023 abgetreten.. Er betonte damals, das habe nichts mit den anhaltenden Turbulenzen rund um die Herzmedizin zu tun.. Der Spitalrat dankte ihm für seine «prägenden Leistungen».. Waser hatte sich schon im Sommer 2021
als Spitalratspräsident zurückgezogen – nach öffentlichen Spannungen mit der Gesundheitsdirektorin Rickli wegen der vielen Negativschlagzeilen.. Heiniger hatte im Mai 2019 als Gesundheitsdirektor aufgehört, ein Jahr bevor die Causa Maisano mit Getöse an die Öffentlichkeit gelangte.. Seine Nachfolgerin Natalie Rickli ist die Einzige der Verantwortlichen, die noch im Amt ist.. Sie sagt, dass sie vom Spitalrat damals falsch informiert worden sei.. Und in ihrer Partei heisst es, sie habe die Probleme von Heiniger geerbt.. Es stellt
sich daher die Frage: Wer wusste wann was?. Wie haben die Verantwortlichen auf die Missstände reagiert?. Und was sagen sie zu dem, was im Untersuchungsbericht und in früheren Berichten steht?. Gregor Zünd, ehemaliger CEO Der neue Bericht hat sich intensiv mit der Frage der Leitung und der Aufsicht befasst.. Bei der Präsentation von vergangener Woche stand die Spitaldirektion – und damit auch Zünd – besonders im Fokus.. Sie trug laut der Untersuchungskommission für sämtliche Probleme,
die analysiert wurden, eine «grosse Verantwortung».. Die Spitaldirektion weiss früh Bescheid.. Im Mai 2017 spricht sie an einer Sitzung darüber, dass die Klinik für Herzchirurgie eine höhere Sterblichkeitsrate aufweist als die Kliniken anderer Universitätsspitäler.. Der CEO Zünd reagiert, indem er ein externes Audit in Auftrag gibt.. Zwei der Ergebnisse: mangelhafte Präsenz der Kaderärzte, mangelhafter Umgang mit Komplikationen.. Die Spitaldirektion trifft verschiedene Massnahmen, die zwar zu einer Verbesserung führen – allerdings nur vorübergehend.. Im Frühjahr und
im Sommer 2019 weiss die Spitaldirektion, dass sich die Sterblichkeit wieder erhöht hat.. Darum trifft sie Vorbereitungen, Maisano als Klinikchef abzulösen und an ein neues Institut zu versetzen, das extra für ihn gegründet wird.. Dieser Plan wird aber nicht umgesetzt – unter anderem, weil Maisano sich weigert.. Wie Zünd das heute erklärt, bleibt offen.. Er stehe derzeit für Fragen nicht zur Verfügung, schreibt er auf Anfrage.. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» wies
er 2020 die Verantwortung von sich.. Er verwies darauf, dass die Klinikdirektoren dem Spitalrat unterstellt seien, nicht dem CEO.. Ihm fehlten daher die Kompetenzen, diese zu führen.. Ende Dezember 2018 erscheint in den Tamedia-Zeitungen erstmals ein kritischer Bericht über die Interessenkonflikte des Klinikchefs Maisano bei der Anwendung innovativer Geräte, an denen er mitverdient.. Im Oktober 2019 hat die Spitaldirektion einen weiteren Audit-Bericht zu diesem Thema auf dem Tisch.. Maisano hat diesen selbst verlangt, nachdem er
an einer internen Sitzung vom damaligen Leiter der Kardiologie angeschuldigt wurde.. Das Audit entlastet ihn zwar, hält aber fest, dass Firmenbeteiligungen in Publikationen unterschlagen worden seien.. Im Dezember 2019 wird die Spitaldirektion vom Whistleblower André Plass, einem leitenden Arzt an der Herzklinik, erneut mit den Vorwürfen gegenüber Maisano konfrontiert.. Diesmal angereichert mit schriftlich festgehaltenen Beschreibungen konkreter Fälle, in denen Operationsergebnisse geschönt worden seien.. Zünd und die Spitaldirektion reagieren, indem sie eine externe Untersuchung bei der
Anwaltskanzlei Walder Wyss in Auftrag geben.. Diese wird ein Jahr später zwar erneut Mängel festhalten, aber eine «Patientengefährdung aus Eigeninteressen» habe sich nicht feststellen lassen.. Zur Frage der Mortalität heisst es, diese habe sich nur leicht erhöht – Rückschlüsse auf die Arbeitsqualität in der Herzklinik lasse dies nicht zu.. Beides steht im Widerspruch zu den Resultaten der jüngsten Untersuchung.. Der Unterschied: Letztere machte sich die Mühe, die Zahlen mithilfe von Profi-Statistikern zu analysieren.. Die mutmasslichen
Verfehlungen von Maisano werden ab Mai 2020 in einer Reihe von Medienberichten öffentlich diskutiert, die auf die Meldungen des Whistleblowers André Plass zurückgehen.. Die Spitaldirektion stützt sich in dieser Krise stark auf die Untersuchung von Walder Wyss, von der es zum damaligen Zeitpunkt bereits einen Zwischenbericht gibt.. Mit Verweis darauf beteuert Zünd gegenüber der Gesundheitsdirektorin Rickli, es habe keine unmittelbare Gefährdung des Patientenwohls bestanden und es brauche keine Sofortmassnahmen.. Martin Waser, ehemaliger Spitalratspräsident Der Spitalrat
– quasi der Verwaltungsrat des Spitals – steht vor allem wegen seines Umgangs mit der erhöhten Mortalität und mit Maisanos Interessenkonflikten in der Kritik.. In diesen zwei Bereichen treffe ihn eine «grosse Verantwortung», hiess es bei der Präsentation des Untersuchungsberichts.. Martin Waser, ein ehemaliger SP-Stadtrat, ist schon 2014 Spitalratspräsident – in jenem Jahr, als Francesco Maisano im Eilverfahren zum Direktor der Zürcher Herzklinik ernannt wird.. Über die Industrienähe des Italieners und seine 14 Patente ist
der Spitalrat damals informiert.. Die Reaktion: laut dem Untersuchungsbericht gar keine.. Der Spitalrat habe das «evidente Potenzial» für Interessenkonflikte nicht erkannt und kein aktives Management eingefordert.. Obwohl die parlamentarische Aufsicht dies in solchen Fällen empfahl.. Weil man das Prestige, das man sich von Maisano versprach, höher gewichtete?. Wie Zünd will sich auch Waser nicht mehr zur Vergangenheit äussern.. Im März 2018 wird der Spitalrat nach einem entsprechenden Zeitungsartikel über die erhöhte Mortalität in der Herzklinik
informiert.. Eine Reaktion bleibt aber auch in diesem Fall aus.. Der damalige ärztliche Direktor des Spitals sagt, die Zahlen seien mit der spezifischen Patientenstruktur am Unispital zu erklären – ein Argument, das in den darauffolgenden Jahren oft wiederholt wird.. Bis es von der jetzigen Untersuchung mit statistischen Methoden entkräftet wird.. Im Untersuchungsbericht heisst es, der Spitalrat habe danach weder weitergehende Informationen zur klinischen Qualität eingeholt noch Informationen, die nötig gewesen wären, um diese effektiv zu
überwachen.. Es gebe in seinen Protokollen keine Hinweise, dass die Sterblichkeit danach noch einmal thematisiert worden sei.. Der Spitalrat habe sich grundsätzlich nur dann mit solchen Fragen beschäftigt, wenn ihm konkrete Probleme rapportiert worden seien.. Das geschieht erst 2020, als das Spital nach einem Hinweis durch den Whistleblower eine Untersuchung durch die Kanzlei Walder Wyss in Auftrag gibt.. Der Spitalrat reagiert ambivalent auf deren Zwischenergebnisse.. Nachdem er laut dem Untersuchungsbericht lange nur zurückhaltend auf mediale
Berichte über angebliche Mängel reagiert hat, beklagt sich der Spitalrat nun bei der Spitaldirektion, dass sie ihn zu spät informiert habe.. Gegenüber der Gesundheitsdirektion sagt er am 22. Mai 2020, es habe nie eine Gefahr für die Patientensicherheit bestanden – um nur wenige Tage darauf Maisano zu beurlauben.. Dies führt zu Misstrauen und öffentlichen Spannungen zwischen Waser und der Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli.. 3.. Thomas Heiniger, ehemaliger Gesundheitsdirektor Bei der Präsentation des Untersuchungsberichts spielte die Gesundheitsdirektion im
Vergleich mit der Spitaldirektion und dem Spitalrat eine geringere Rolle.. Eine «grosse Verantwortung» trifft sie nur in einem Punkt, dafür in einem wichtigen: bei der erhöhten Mortalität an der Herzklinik.. Im März 2018 erfährt Thomas Heiniger, was spitalintern schon länger bekannt ist: dass die Sterblichkeitsrate an der Herzklinik vergleichsweise hoch ist.. Er ist laut dem Bericht auch im Besitz eines Schreibens von Maisanos Stellvertreter Michele Genoni, der die Zahlen als schlechtes Zeichen für die Outcome-Qualität
der Klinik beschreibt.. Die Gesundheitsdirektion äussert an einem Eigentümergespräch Besorgnis über die Reputation des Spitals.. Im Herbst 2018 erkundigt sich Heiniger in einem weiteren Gespräch nach Risiken im medizinischen Bereich.. Das Thema sei aber in der Folge nicht weiter erörtert worden, heisst es im Untersuchungsbericht.. Weitere Reaktionen der Gesundheitsdirektion zur Frage der erhöhten Sterblichkeit seien ausgeblieben.. Heiniger ist der einzige der Top-Verantwortlichen von damals, der sich gegenüber der NZZ äussert.. Er sagt, das Verhalten und
die Antworten der Spitalleitung auf seine Fragen hätten damals keine Hinweise auf irgendwelche Missstände enthalten.. «Die Spitalleitung bestätigte mehrmals nachvollziehbar, dass keine unmittelbare Gefährdung des Patientenwohls bestehe und keine weiteren Massnahmen angezeigt seien», sagt Heiniger.. «Aus heutiger Sicht, in Kenntnis des Untersuchungsberichts, war das offensichtlich nur die halbe Wahrheit.» 4.. Natalie Rickli, Gesundheitsdirektorin Im Mai 2019 übergibt Heiniger das Amt an Rickli.. Sie erfährt laut dem Bericht erst später, im Januar 2020, erstmals von den
Vorwürfen gegenüber Maisano und der Klinik für Herzchirurgie.. Heiniger sagt auf Anfrage, dass seine Gespräche zum Thema der Sterblichkeitsrate protokolliert gewesen seien.. Darüber hinaus habe aber seiner Erinnerung nach bei der Amtsübergabe keine Orientierung Ricklis stattgefunden.. Von den angeblich fragwürdigen Interessenbindungen und finanziellen Verstrickungen des Klinikdirektors Maisano sei ihm gegenüber nie die Rede gewesen.. Er habe davon während seiner Amtszeit nichts gewusst.. Auch der Tamedia-Bericht zum Thema vom Dezember 2018 bleibt ohne unmittelbare Folgen.. Im
April 2020 schickt der Whistleblower André Plass seine Dokumentation zu den Vorfällen an der Herzklinik direkt an Rickli.. An einem Eigentümergespräch kritisiert sie gegenüber dem Spitalrat, dass sie wiederholt nicht frühzeitig und proaktiv über besondere Vorkommnisse informiert worden sei.. Dieser und die Spitaldirektion beschwichtigen, das Patientenwohl sei nie gefährdet gewesen.. Im Mai 2020, nach mehreren Medienberichten, beurlaubt der Spitalrat Maisano per sofort.. Rickli zeigt sich an einer Sitzung mit Waser und Zünd irritiert – sie
habe den Medien entnommen, dass dies eben doch aus Gründen der Patientensicherheit geschehen sei.. Ihr Vertrauen in den Spitalratspräsidenten ist zerrüttet.. Ricklis Reaktion: Zum einen fordert sie das Spital auf, bei der Kanzlei Walder Wyss einen Ergänzungsbericht zu bestellen.. Sie will mehr erfahren zu den angeblich verschwiegenen Komplikationen und Maisanos Interessenkonflikten.. Zugleich gibt sie einen eigenen Bericht in Auftrag – nicht zur Sache an sich, sondern zu Governance-Fragen.. Rickli lässt die bestehenden Führungsstrukturen hinterfragen, vor
allem die Aufgabenteilung zwischen der Gesundheitsdirektion als Aufsicht, dem Spitalrat als strategischer Führung und der Spitaldirektion als operativem Führungsgremium.. Dies, weil das Spital und namentlich Waser die Gesundheitsdirektion nicht wie vorgeschrieben frühzeitig über Vorkommnisse von grosser Tragweite informiert haben.. Obwohl dies angesichts ihrer Rolle in der Öffentlichkeit wesentlich wäre.. Der Bericht wird später ziemlich deutlich einen personellen Neuanfang empfehlen – kurz darauf kündigt der Spitalratspräsident Waser seinen Rücktritt an.. Die Turbulenzen ums Unispital sind für
Rickli damit noch nicht ausgestanden – aber alles Weitere fällt nicht mehr in den Zeitraum, den der Untersuchungsbericht abdeckt.
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