Austria News

Tränengas und Platz-Sperren: 1.-Mai-Demo in Istanbul eskaliert

Bei der 1.-Mai-Demonstration in Istanbul ist es nach Platz-Sperren zu gewaltsamer Auflösung gekommen. Hunderte wurden festgenommen.

Eine gesperrte Route hat die 1.-Mai-Demo in Istanbul offenbar in eine Eskalationsspirale geführt: Trotz starker Polizeipräsenz kam es am Tag der Arbeit zu Zusammenstößen und zahlreichen Festnahmen.

Laut Angaben von Aktivisten wurden bis zum frühen Nachmittag in Istanbul mindestens 370 Menschen festgenommen. Die Polizei setzte dabei Berichten zufolge Tränengas gegen Demonstrierende ein, während Tausende in Istanbul und auch in Ankara zu Kundgebungen zusammengekommen waren.

Das zeigt, wie schnell Proteste an stark kontrollierten Orten kippen können, wenn Behörden den Zugang konsequent verhindern.

In Istanbul wollten viele Teilnehmer zum Taksim-Platz marschieren. Der Platz ist seit den Gezi-Protesten 2013 für Demonstrationen gesperrt. Nach Angaben aus dem Umfeld der Proteste wurde den Menschen der Weg zum Taksim-Platz durch Polizeikräfte versperrt.

Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass die Niederschlagung teils mit Gewalt erfolgte.. Demonstrierende wurden demnach zeitweise zu Boden geworfen, während die Einsatzkräfte die Ansammlung aufzulösen versuchten.. Im Stadtteil Mecediyeköy waren außerdem Vertreter einer marxistischen Partei unter den Teilnehmenden.

Wichtig ist dabei nicht nur die unmittelbare Konfrontation, sondern auch der politische Rahmen: Gerade am 1. Mai treffen sich in der Türkei verschiedene Gruppen, die ihre Forderungen öffentlich sichtbar machen wollen.

Gewerkschaften und Verbände hatten zu Kundgebungen unter dem Motto „Brot, Frieden, Freiheit“ aufgerufen. Hintergrund sind unter anderem wirtschaftliche Belastungen: Die Inflationsrate liegt in der Türkei laut Berichten deutlich über 30 Prozent, in Istanbul sogar noch höher.

Schon im Vorfeld hatte es Verhaftungswellen gegeben. Anfang der Woche wurden mehrere Dutzend Menschen in Polizeigewahrsam genommen. Unter ihnen war demnach ein Gewerkschaftsvertreter, nachdem er die Absperrungen kritisiert hatte.

Solche Vorabmaßnahmen gelten in der Regel als Signal, wie hart der Staat auf Mobilisierung reagiert und wie eng der Spielraum für Demonstrationen in sensiblen Bereichen gesetzt wird.

Auch in Ankara kam es zu Protesten: Rund hundert Bergarbeiter schlossen sich dem Demonstrationszug an. Sie hatten zuvor nach Angaben aus dem Umfeld mit einem Hungerstreik gegen ausstehende Lohnzahlungen protestiert und wurden bei der Ankunft mit Applaus empfangen.

Am Tag der Arbeit gehören massive Polizeieinsätze in der Türkei wiederkehrend zum Bild.. Der Taksim-Platz wird dabei traditionell abgeriegelt, und im vergangenen Jahr waren die Proteste etwa in Richtung Kadiköy ausgewichen.. Misryoum berichtet, dass auch dieses Jahr die Behörden offenbar früh auf Eskalationsrisiken gesetzt haben.