Streifzug durch Budapest: Die Melancholie der Befreiung
„Willkommen in einem freien Land!“, begrüßt mich László und nimmt meinen Koffer. In der Gewissheit, dass ich kein Anhänger von Viktor Orbán bin, lässt der Taxifahrer vom Flughafen Budapest seiner Freude über die Wahlniederlage des Ministerpräsidenten freien Lauf. Es ist der Tag nach der Wahl, die Péter Magyars Tisza-Partei den Sieg brachte. Die 16-jährige Ära des Rechtspopulisten ist damit Geschichte. „Es war höchste Zeit“, sagt László, während er den Wagen durch den dichten Verkehr manövriert. „Das System war eine Mafia, durch und durch verfilzt.“ Der Duft von kaltem Zigarettenrauch hängt schwer im Innenraum des Autos – ein Geruch, der mich irgendwie an meine ersten Besuche hier in den Neunzigern erinnert.
Wir fahren an Wohnsilos vorbei, die wie graue Mahnmale aus der kommunistischen Ära in den Himmel ragen. Während László über Korruption schimpft und die Hände fast schon zu enthusiastisch vom Lenkrad nimmt, schweifen meine Gedanken ab. Ich erinnere mich an die Wendezeit 1989. Damals, als Student, war alles voller Hoffnung, der „Gulaschkommunismus“ sollte endlich einer echten Demokratie weichen. Und jetzt? Jetzt fühlt es sich an, als würde man in eine neue Zeitrechnung starten, oder vielleicht auch nicht. Es ist kompliziert.
Man merkt die Anspannung. Die Stadt atmet auf, aber unter der Oberfläche brodelt es.
Später treffe ich Nicolett, eine Schauspielschülerin. Sie ist erleichtert, aber auch skeptisch. „Orbáns Regierung hat Kultur gefördert, die in ihr Weltbild passte“, erklärt sie. Unabhängige Theater haben kaum noch Luft zum Atmen. Wenn man sie so reden hört, wirkt der Sieg von Magyar fast wie ein ferner Donner. Er ist selbst konservativ, ein Nationalist – kann er wirklich liefern, was die Menschen sich erhoffen? Vielleicht ist der Umbruch in den Köpfen schwieriger als der an der Wahlurne.
Henrik, der im Hotel arbeitet, hat die Nacht durchgefeiert. Er war am Batthyani-Platz, wo zehntausende Menschen zu Techno-Beats tanzten. Er strahlt, wenn er davon erzählt, aber kurz darauf wird sein Blick ernst. „Es muss sich so viel ändern“, sagt er. Er meint die Staatsanwaltschaft, die Vetternwirtschaft, die Abhängigkeit von Russland. Die Erwartungshaltung ist gigantisch, fast schon erdrückend.
Zoltán, ein Sozialwissenschaftler, bringt mich dann auf den Boden der Tatsachen zurück. Er ist vorsichtig optimistisch. „Die Staatskassen sind leer“, sagt er trocken. Man kann nicht einfach 16 Jahre Klientelpolitik per Dekret löschen. Die Zweidrittelmehrheit der Tisza-Partei bietet zwar Macht, aber der Preis für den Umbau des Staates wird hoch sein. Er deutet auf die laufende Debatte um EU-Gelder und Energiepreise hin. Es ist ein Balanceakt auf einem Drahtseil, das schon seit Jahren an einer Seite durchhängt.
Ich sitze in einem Café in Pest, draußen ziehen die Menschen vorbei. Ist das Land wirklich befreit? Oder ist es nur eine Verschiebung der Gewichte? Die Plakate der Spaßpartei kleben noch immer an den Wänden. Humor scheint das Einzige zu sein, das hier nie wirklich verloren geht, egal wer an der Macht ist.