AD(H)S im Alter: „Viele halten es für Demenz“ – Experten warnen

Viele Betroffene erleben im späteren Leben Vergesslichkeit, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme. Häufig steckt jedoch AD(H)S dahinter – behandelbar auch nach dem 40. Lebensjahr.
Über AD(H)S wird oft so gesprochen, als sei es ein Thema der Kindheit. Doch viele Menschen erleben es gerade später wieder stärker.
In der zweiten Lebenshälfte wird AD(H)S laut einer deutschen Psychiaterin zum wiederkehrenden Prüfstein – nicht, weil die Diagnose „plötzlich auftaucht“, sondern weil die bisherigen Ausgleichsstrategien häufig irgendwann nicht mehr tragen.. Astrid Neuy-Lobkowicz, die sich seit Jahren mit AD(H)S bei Erwachsenen beschäftigt, beschreibt in einem aktuellen Buch „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ ein Muster, das Patientinnen und Patienten besonders belastet: Ausgerechnet dann, wenn der Alltag schwieriger wird, setzen Betroffene und Umfeld oft auf das falsche Erklärmodell – nämlich Demenz.
Der Kern der Verwechslung liegt in typischen Symptomen, die im Alltag leicht als „krankheitsbedingt“ gelesen werden.. Wenn Gedächtnis und Überblick nachlassen, wenn Konzentration bricht oder alles „schneller schlimmer“ erscheint, entsteht Angst.. Neuy-Lobkowicz schildert, dass hinter dieser Sorge häufig ein AD(H)S steckt, das lange kompensiert wurde.. Erst wenn die Dauerbelastung zu groß wird, kippt die Stabilität: Erschöpfung, Ausbrennen und depressive Verstimmungen können folgen – und damit auch der Eindruck, es handele sich um eine fortschreitende geistige Erkrankung.
Warum AD(H)S wie Demenz wirken kann
Bei Männern zeigt sich das Muster laut Neuy-Lobkowicz oft anders: Es tritt weniger als „Durcheinander“ zutage, sondern eher als tiefe Erschöpfung.. Viele würden lange schweigen oder es nicht als AD(H)S einordnen, weil sie über Jahre hinweg hochfunktional geblieben sind.. In ihrer Praxis begegnet sie Menschen, die trotz hoher Anforderungen durch Ausbildung, Intelligenz und Disziplin durchgekommen sind – etwa in Berufen, in denen Leistung sichtbar ist, wie im medizinischen oder juristischen Bereich.. Wenn dann ab einem bestimmten Punkt „nichts mehr geht“, wirkt das nach außen wie ein abruptes Scheitern, obwohl im Hintergrund schon lange ein System unter Spannung stand.
Wenn Kompensation wegbricht
Aus medizinischer Sicht bedeutet das: Für eine Diagnose müsse man genau hinschauen, nicht nur auf das aktuelle Symptom-Set.. Dazu gehört, die Entwicklung in der Biografie zu betrachten („Wie war das früher?“), aber auch die Perspektive von Angehörigen ernst zu nehmen.. Angehörige können oft benennen, was im Alltag bereits lange auffällig war – selbst wenn die betroffene Person es lange als „Eigenart“ oder „übermäßig selbstkritisch“ eingeordnet hat.. So lässt sich unterscheiden, ob es sich tatsächlich um einen demenziellen Prozess handelt oder ob die Dynamik eher zu AD(H)S passt.
Was Betroffene jetzt wissen sollten
Auch Angehörige können davon profitieren, weil sie dann nicht im Modus „Hoffen und Abwarten“ bleiben müssen.. Wer mit dem Gefühl lebt, dass die betroffene Person unaufhaltsam geistig abbaue, handelt häufig aus Angst: überhöhte Kontrolle, Rückzug oder Überforderung.. Eine differenzierte Einordnung eröffnet dagegen die Chance, den Alltag so zu gestalten, dass Entlastung möglich wird.. Gerade in Familien, in denen bereits hohe Verantwortung getragen wurde, kann das ein entscheidender Wendepunkt sein.
Für den Moment bleibt eine wichtige Botschaft: Eine Veränderung im späteren Leben bedeutet nicht automatisch Demenz.. Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme und Erschöpfung können viele Ursachen haben – und AD(H)S gehört laut Neuy-Lobkowicz dazu.. Der Verdacht sollte deshalb gründlich geprüft werden, statt frühzeitig in eine endgültige Diagnose zu springen.. Gerade weil die Zeit zwischen dem spürbaren Abfall der Leistungsfähigkeit und der richtigen Einordnung oft entscheidend ist, lohnt es sich, Symptome nicht nur zu registrieren, sondern die Vorgeschichte mitzudenken.
Damit wird AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte zu einem Thema, das nicht erst „mit der Kindheit endet“, sondern im Alltag neu aufflammen kann – wenn Kompensation nicht mehr ausreicht.. Misryoum ordnet damit ein, was für viele Betroffene auf dem Weg zur Diagnose entscheidend sein kann: hinsehen, vergleichen, verstehen – und gegebenenfalls rechtzeitig handeln.