Waffenruhe im Libanon: Ein fragiler Beginn unter Vorwürfen

Es ist eine seltsame Stille, die sich da über den Südlibanon gelegt hat. Kurz nach Mitternacht, als die Waffenruhe offiziell in Kraft trat, war das Echo der letzten Gefechte noch in den Gassen von Beirut zu spüren – man hörte Freudenschüsse, fast schon ein wenig trotzig, als wollten die Menschen die Stille erst einmal selbst erzwingen. Doch der Frieden, wenn man ihn so nennen kann, fühlt sich noch reichlich brüchig an.
Die libanesische Armee meldete bereits am Freitagmorgen die ersten Verstöße durch israelische Aggressionen, während die Hisbollah – vielleicht als Warnschuss oder schlicht aus alter Gewohnheit – israelische Soldaten bei Chiam unter Beschuss nahm. Es ist dieses Hin und Her, das man hier schon so oft erlebt hat. Man versucht sich an die neue Ruhe zu gewöhnen, aber das Misstrauen sitzt tief. Kann das wirklich halten? Oder ist es nur eine kurze Atempause, bevor der nächste Funke fliegt?
Laut Misryoum hat sich die Lage in den letzten Stunden weiter zugespitzt. Während die internationale Gemeinschaft, von Washington bis Brüssel, den Schritt vorsichtig begrüßt und auf einen Weg zum Frieden hofft, bleiben die Fronten verhärtet. Netanjahu träumt öffentlich von einem historischen Abkommen, behält sich aber vor, einen zehn Kilometer breiten Streifen im Grenzgebiet besetzt zu halten. Das riecht nicht nach sofortigem Abzug, eher nach einer strategischen Neuaufstellung. Und die Menschen? Die, die aus den zerbombten Vororten geflohen sind, packen jetzt ihre Sachen. Sie wollen zurück. Die Ungewissheit, ob sie in ein Trümmerfeld oder ein echtes Zuhause kommen, scheint sie in diesem Moment weniger zu stören als der dringende Wunsch nach Normalität.
Es ist eigentlich schwer zu sagen, wie viel Vertrauen in diesen Gesprächen steckt, die nun in Washington stattfinden sollen. Donald Trump, der sich als Vermittler zwischen den Anführern positioniert, rechnet in wenigen Tagen mit einem Treffen. Ob Aoun und Netanjahu dann wirklich an einem Tisch sitzen – oder ob es eher wieder bei getrennten Botschaften bleibt – ist unklar. Eigentlich wollte der libanesische Präsident ja keinen direkten Kontakt, aber in der Politik ändern sich Dinge manchmal schneller, als man denkt. Oder eben auch nicht.
Die Bilanz der letzten Monate ist erschütternd: Fast 2200 Tote, eine Million Menschen auf der Flucht. Ein Hisbollah-Abgeordneter betonte gegenüber Misryoum, man wolle sich vorsichtig an die Vereinbarung halten, solange keine Morde an ihren Leuten geschehen. Ein Satz, der die Zerbrechlichkeit des Ganzen perfekt zusammenfasst. Es bleibt ein schmaler Grat zwischen einer echten Chance und dem nächsten Rückfall in die Gewalt. Vielleicht bleibt es ruhig, vielleicht auch nicht. Man muss abwarten, wie die nächsten Tage laufen – wenn überhaupt irgendjemand vorhersagen kann, was morgen noch gilt.