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Keine Jury, Feier, Löwen: Biennale im Chaos

Wenige Tage vor Beginn treten Jurymitglieder geschlossen zurück. Die Goldenen Löwen werden später und per Publikumsabstimmung vergeben.

Venedig steht vor Beginn der Kunstbiennale unter Schock: Die Jurysitzung ist geplatzt, die Eröffnungspläne fallen weg, und selbst die Verleihung der Goldenen Löwen steht auf neuem Kurs.

Wenige Tage vor dem Start trat die internationale Jury geschlossen zurück. Der Streit entzündete sich am Umgang mit Russland und Israel, wie Misryoum aus dem Umfeld der Biennale berichtet. Seit der Gründung im Jahr 1895 habe es so einen Rücktritt noch nie gegeben.

Das zeigt, wie schnell Kunstveranstaltungen in den Sog geopolitischer Konflikte geraten. Gerade dort, wo es um Deutung und Öffentlichkeit geht, wird aus kuratorischen Fragen rasch eine politische Grundsatzdebatte.

Die Folgen sind spürbar: Die groß geplante Eröffnungsfeier wird nicht stattfinden, und die üblichen Goldenen Löwen werden nicht wie vorgesehen von einer Jury vergeben.. Stattdessen ist geplant, die Preise erst zum Ende der Biennale im November zu vergeben.. Dann soll nicht ein Gremium entscheiden, sondern eine Abstimmung unter dem Publikum.

Damit verschiebt sich auch der Charakter des Wettbewerbs. Wo bislang vor allem fachliche Auswahl im Vordergrund stand, tritt nun die Frage in den Mittelpunkt, welche Stimmen die Besucherinnen und Besucher besonders stark mitnehmen.

Der Konflikt wirft zudem Fragen nach der Programm- und Auswahllogik auf, denn die Weltpolitik dringt in die Ausstellung hinein. In Venedig wird gleichzeitig über die Teilnahme von Beiträgen aus Russland und Israel diskutiert, obwohl diese gerade im aktuellen Umfeld besonders sensibel sind.

Untermauert wird die Krise durch weitere Belastungen: Zwei Todesfälle überschatteten die Biennale-Zukunft.. Vergangenes Jahr starb die Kuratorin Koyo Kouoh, im Februar folgte die Installationskünstlerin Henrike Naumann, die Deutschland vertreten sollte.. Der deutsche Pavillon wird dennoch nach ihren Ideen und denen von Sung Tieu gestaltet.

Vor der offiziellen Eröffnung am Samstag kommender Woche darf bereits die Fachwelt hinein, während die Lage rund um die Jury weiter für Schlagzeilen sorgt.. Die Erklärung der fünf Jurymitglieder wurde gemeinsam veröffentlicht, ohne detaillierte Begründungen.. Im Raum steht auch der Vorwurf, der Rücktritt sei gedrängt worden, eine offizielle Bestätigung dazu gab es jedoch nicht.

Das ist mehr als nur organisatorisches Chaos: Wenn die Regeln der Preisvergabe geändert werden, verschiebt sich das Vertrauen zwischen Institution, Öffentlichkeit und künstlerischem Anspruch.

Parallel reagierten Politik und Behörden.. Die italienische Regierung schickte nach dem Rücktritt „Inspektoren“ nach Venedig, und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich zu der Dynamik der Ereignisse irritiert.. Auch die Europäische Ebene macht deutlich, dass Zuschüsse in Frage stehen könnten, falls Russland weiterhin eine Rolle in der Biennale spielt.

Mit Blick auf die inhaltliche Linie kündigte die Biennale-Leitung nach dem Jury-Aus an, dass es statt der üblichen Preise nur zwei „Leoni dei Visitatori“ geben wird, bei denen dann auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl stehen.. Israels Außenminister begrüßte diesen Schritt, während Russland darin eine Rückkehr in den kulturellen Austausch sieht, nach Jahren der Isolation im Westen.

Am Ende bleibt trotz aller Änderungen die Frage: Was bedeutet „Kunst ohne Politik“, wenn der Konflikt ohnehin schon in der Auswahl und im Verfahren sichtbar ist. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz dieser Biennale, die nun ohne Jury starten muss, aber mit umso mehr Aufmerksamkeit.