Systemsprenger in der Jugendhilfe: Warum das aktuelle Modell scheitert

Die öffentliche Debatte über sogenannte Systemsprenger dreht sich oft zu schnell um die Frage des Wegsperrens. Dabei darf ein Land wie Österreich es sich nicht leisten, Jugendliche aufzugeben, selbst wenn es sich oft um eine kleine Gruppe von Härtefällen handelt.
Auf einer Fachtagung in Graz diskutierten rund 300 Experten aus der Kinder- und Jugendhilfe, warum das aktuelle System für diese Herausforderungen kaum gewappnet ist.. Walerich Berger, Leiter von Jugend am Werk in der Steiermark, brachte es auf den Punkt: Die Jugendhilfe leide unter einer zu kleinteiligen Struktur, die den Betroffenen eher schadet als hilft.. Die Forderung der Fachleute lautet daher: ein „radikal integrativer Ansatz“, der Bürokratie abbaut und die menschliche Nähe in den Mittelpunkt stellt.
Das Kernproblem liegt in der Zersplitterung der Zuständigkeiten.. Seit die Jugendhilfe Ländersache ist, gleicht das System einem Fleckerlteppich: Jedes Bundesland hat eigene Standards und Organisationsformen.. Wenn öffentliche Jugendämter und private Anbieter sowie Schulen und medizinische Dienste nicht nahtlos ineinandergreifen, entsteht ein gefährliches Vakuum.. Oft werden Jugendliche zwischen diesen Institutionen hin- und hergeschoben, wodurch wertvolle Zeit und – was noch gravierender ist – das mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis verloren gehen.. Jeder Beziehungsabbruch treibt die Jugendlichen tiefer in die Isolation und macht ihre Lebenssituation aussichtsloser.. Eine echte Verantwortungsgemeinschaft, in der ein fester Betreuer über alle Phasen hinweg agiert, existiert aktuell nur in Ansätzen.
Warum Prävention statt Krisenintervention nötig ist
Ingrid Krammer, Leiterin des Grazer Amts für Jugend und Familie, betont, dass das Durchbrechen dysfunktionaler Muster Zeit und Beständigkeit erfordert.. Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen benötigen das Signal, dass ihr Gegenüber trotz ihrer Widerstände bleibt.. Das aktuelle System ist jedoch zu starr, um diese emotionale Kontinuität zu garantieren.. Vor allem die Finanzierung wirkt als Hemmschuh: Gelder fließen meist erst dann, wenn es bereits brennt und die Krise eskaliert.. Eine gezielte Investition in die langfristige Prävention findet hingegen kaum statt.
Der Mangel an einer flächendeckenden Kooperation zwischen öffentlicher Hand und privaten Trägern führt dazu, dass Ressourcen oft ineffizient eingesetzt werden.. Es mangelt nicht zwingend an den Mitteln selbst, sondern an der Architektur ihrer Verteilung.. Ein Umbau hin zu einem verzahnten System würde den Druck von den Fachkräften nehmen und den Jugendlichen eine stabile Basis bieten, die über institutionelle Grenzen hinweg Bestand hat.. Wenn das System jedoch weiterhin nur auf das Symptom reagiert, statt die Ursache im familiären und sozialen Umfeld nachhaltig zu begleiten, bleiben die sogenannten Systemsprenger, was sie sind: eine Folge des Versagens einer unzureichend vernetzten Gesellschaft.