Senegal: Wenn Angst den Alltag bestimmt

Es ist eine bedrückende Stille, die sich über Dakar legt, wenn die Dämmerung einsetzt. In den Straßen der senegalesischen Hauptstadt mischt sich der Geruch von Meeresbrise mit dem Abgas der alten Taxis, doch für viele Menschen hier ist der öffentliche Raum zu einem gefährlichen Ort geworden. Seit der jüngsten Gesetzesverschärfung im März ist die Stimmung im Land regelrecht gekippt.
Das Parlament hat Nägel mit Köpfen gemacht: Einstimmig wurde beschlossen, das Strafmaß für Homosexualität auf bis zu zehn Jahre Haft zu verdoppeln. Aber es bleibt nicht bei der reinen Bestrafung. Begriffe wie „Verherrlichung“ oder „Finanzierung“ von Homosexualität sind nun strafbar. Was genau das bedeutet? Das weiß niemand so recht, und genau diese Unschärfe ist das eigentliche Werkzeug der Einschüchterung. Ein Wissenschaftler, der über Geschichte schreibt, oder eine NGO, die sich um HIV-Prävention kümmert – plötzlich schwebt über allen ein Damoklesschwert.
Das Kollektiv „Free Sénégal“ arbeitet im Verborgenen. Malick, einer der Sprecher, berichtet von einer Welle der Verhaftungen, die oft auf Anzeigen von Nachbarn basieren. Er klingt erschöpft am Telefon, als er erzählt, wie die Polizei Dating-Apps infiltriert und Telefonverzeichnisse von Festgenommenen nutzt, um weitere Namen zu sammeln. Es ist ein Teufelskreis aus Gewalt und Überwachung. „Auf die Festnahmen folgen Prügel“, sagt er trocken – eine Realität, die man kaum in Worte fassen kann.
Die politische Rhetorik, angeführt durch den Premierminister Ousmane Sonko und seine Partei Pastef, zeichnet ein Bild, in dem Homosexualität stets als „kulturelles Gift“ aus dem Westen dargestellt wird. Es ist ein leichtes Spiel, diese Ressentiments zu schüren. Wenn dann Abgeordnete im Parlament tönen, dass Homosexuelle „in diesem Land nicht mehr atmen können“, dann ist das keine bloße Floskel, sondern eine unverhohlene Drohung.
Die Geschichte des Landes ist durchzogen von solch erschütternden Momenten. Man denke an das Jahr 2009 in Thiès, als Anwohner die Leiche eines Mannes mehrfach exhumierten, nur weil sie ihn nicht auf ihrem Friedhof dulden wollten. Diese tief sitzende Ablehnung ist nun staatlich sanktioniert. Und die internationalen Organisationen? Sie schweigen meist.
Idrissa, der vor seiner Familie in den Westen des Landes floh, lebt heute in ständiger Isolation. Er arbeitet hart, aber sein Arbeitgeber nutzt seine Angst schamlos aus, um ihm den Lohn zu verweigern. Er sagt es so: „Tiere werden hier besser behandelt als wir.“ Man spürt die Hoffnungslosigkeit in jedem seiner Sätze. Ob er jemals wieder Sicherheit findet? Vielleicht. Das Kollektiv versucht, Menschen nach Kap Verde zu bringen, doch die Kosten von 1.000 Euro pro Person sind für die meisten ein unerreichbarer Berg an Geld.
Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Und während in Brüssel oder Luxemburg über Entwicklungshilfe diskutiert wird, versuchen Menschen in Dakar, einfach nur nicht aufzufallen.