Sara Ostertag übernimmt ab 2027/28 auch das Schauspielhaus Wien

Sara Ostertag soll ab 2027/28 die Leitung am Schauspielhaus Wien übernehmen. Die Partnerschaft mit TEATA verbindet künftig festen Spielbetrieb und Freie Szene enger.
Wien bekommt ab der Spielzeit 2027/28 eine neue Spitze für das Schauspielhaus: Sara Ostertag übernimmt dann auch die Leitung der Institution in Wien-Alsergrund. Damit verknüpft sie den künftigen Betrieb stärker mit dem, was sie bereits bei TEATA etabliert hat.
Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der Theaterleitungen in Wien zunehmend über Zusammenarbeit nachdenken – nicht nur über Programmplanung.. In den Unterlagen zur Vorstellung der Partnerschaft heißt es, Ostertag wolle „institutionelles Theater und Freie Szene gegenseitig produktiv ergänzen“.. Konkret soll der gemeinsame Schwerpunkt von Schauspielhaus und TEATA in der Verbindung von „Text und Sprache“ liegen.
Bislang ist das Schauspielhaus als Haus mit festen Strukturen aufgestellt: ein Ensemble, Eigenproduktionen und ein Hausautor beziehungsweise eine autor*innengestützte Dramaturgie für deutschsprachige zeitgenössische Dramatik.. In Wien-Alsergrund soll diese Ausrichtung fortgeführt und zugleich geöffnet werden.. Ostertag bringt dabei nicht nur neue Ideen mit, sondern auch ein arbeitspraktisches Modell: Sie will den mehrsprachigen Ansatz, der bereits in dieser Saison im Rahmen von Gastspielen umgesetzt wurde, in Wien-Mariahilf weiterführen und dabei eng mit der Freien Szene arbeiten.
Für die aktuelle Leitung bedeutet die neue Planung einen Einschnitt.. Das Vierer-Team aus Marie Bues, Martina Grohmann, Tobias Herzberg und Mazlum Nergiz muss nach nur einer Funktionsperiode aus der Verantwortung gehen.. Solche Übergaben sind im Kulturbetrieb nicht selten, wirken aber oft im Alltag: Wer Rollen, Probenpläne und langfristige künstlerische Linien aufbaut, trifft Entscheidungen meist mit Blick auf eine gewisse Stabilität.
Dass Ostertag diese Stabilität mit einer erkennbaren Handschrift verbinden will, ist auch aus ihrem bisherigen Werdegang ablesbar.. Die 1985 in Wien geborene Regisseurin studierte Theaterregie und Choreografie an der Zürcher Hochschule der Künste bei Milo Rau, später an der School for New Dance Development in Amsterdam und an der Akademie der bildenden Künste Wien.. Ihre Laufbahn führte sie an mehrere bekannte Bühnen, darunter in der kommenden Saison auch ins Kasino des Burgtheaters.
Ihre bisherige Arbeit umfasst dort die Umsetzung von „Ein schönes Ausländerkind“ von Toxische Pommes.. Außerdem war sie an den Landestheatern Linz und Niederösterreich tätig und zeigte Arbeiten auch international, etwa am Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg oder am Grand Théâtre de Genève.. Damit sitzt sie nicht nur in der österreichischen Theaterlandschaft, sondern bringt Routinen aus unterschiedlichen Spielkulturen mit – ein Detail, das bei neuen Leitungskonzepten häufig unterschätzt wird.
Auch organisatorisch ist Ostertag in mehreren Strukturen verankert: Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs makemake produktionen und war von 2017 bis 2025 künstlerische Co-Leitung des SCHÄXPIR Festivals für junges Publikum in Linz.. Zusätzlich arbeitet sie wiederholt als Dramaturgin für Florentina Holzinger.. 2018 erhielt sie den Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“ für „Muttersprache Mameloschn“ von Sascha Salzmann; 2025 folgte der Nestroy-Preis als „Beste Bundesländeraufführung“ für „The Broken Circle“ am Landestheater Linz.
Seit der Saison 2025/26 leitet sie bereits TEATA.. Diese Doppelrolle – erst Leitung bei TEATA, dann zusätzlich Leitung am Schauspielhaus – wird künftig der zentrale Hebel für die angekündigte Verbindung von Formaten sein.. Für das Publikum kann das konkret bedeuten: weniger „Parallelwelten“ zwischen etabliertem Hausbetrieb und der Freien Szene, mehr Überschneidungen in Sprache, Themenzugängen und Produktionsweisen.. Für die künstlerische Praxis ist es dagegen eine anspruchsvolle Aufgabe, weil zwei unterschiedliche Logiken aufeinandertreffen: Ensemblebetrieb und Eigenproduktionen auf der einen Seite, offene Arbeitsweisen und mehrsprachige Ansätze auf der anderen.
Für Misryoum stellt sich dabei vor allem eine Frage: Wie lässt sich „Text und Sprache“ nicht nur als Motto, sondern als Produktionsprinzip umsetzen?. Wenn Ostertag tatsächlich institutionelle und freie Arbeitsformen produktiv koppeln will, müssen auch Abläufe stimmen – von der Auswahl der Projekte über Probenprozesse bis zur Frage, wie neue Stimmen in einem festen Haus sichtbar werden.. Ab 2027/28 wird sich zeigen, ob die Partnerschaft gelingt und ob Wien damit ein Modell stärker ausbaut, das andere Städte längst als Trend diskutieren: Theater als Netzwerk statt als einzelne Spielstätte.