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Klangschalen und Parcours: Wenn Hüpfen zur Herausforderung wird

In Gosheim wird in Kitas ein multiprofessionelles Modell genutzt, um Selbstregulation und Sprache spielerisch zu stärken.

Hauchzart sind die bunten Gazetüchlein, die da in der großen goldglänzenden Schale liegen.. Vorsichtig zupft sich jedes der fünf Mädchen und Buben eines heraus.. Es fühlt sich schön an, wenn man es an die Wange hält.. Zumindest zeugt davon der Gesichtsausdruck der Vorschülerin.. Dann nimmt Amélie Flad einen großen Schlägel und schlägt vorsichtig gegen die Schale.. Der Klang ist sanft, lang und angenehm.. Kann man Schall auch spüren und nicht nur hören?. Die Kleinen halten

ihre Füße in ganz geringem Abstand an die Schale.. „Ja!“, strahlen die Gesichter an den Fußsohlen.. Nur ein Junge kann es nicht spüren.. Martina Bauser nimmt seinen Zeigefinger und führt ihn ganz unten an die Schale.. Jetzt hellt sich sein Gesicht auf.. Er spürt die Schwingung.. Und dann bekommt jedes Kind eine Klangschale auf den Rücken gelegt.. Je in unterschiedlichen Größen machen sie unterschiedliche Töne.. Und die Schwingung und der Ton lassen den Körper sanft

mitschwingen.. Dieses Erleben ist offenbar schön für die Kinder, sie liegen ganz ruhig und hören in sich hinein.. 180 Kitakinder kommen in den Genuss Das ist eine der vielen Übungen, die der Kindergarten Villa Kunterbunt in Gosheim seinen rund 80 Kindern anbietet.. Dasselbe geschieht in den beiden kirchlichen Kindergärten.. In einem in Baden-Württemberg weitgehend einmaligen Modell: Ein multiprofessionelles Team aus Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie (bei Bedarf durch Steffi Grund) bietet zusätzlich gezielte Unterstützung an, die

allen zugute kommt.. Denn wie in anderen Kindergärten haben viele Kinder einen erhöhten Förderbedarf – in Gosheim von 180 Kitakindern 50.. Allerdings in unterschiedlichem Grad: 20 mit intensiverem Bedarf, fünf mit eins zu eins-Betreuung für eine gewisse Zeit, sagt Bürgermeister André Kielack.. Phänomene wie ADHS und Autismus sind dabei.. Phänomene, für die Erzieherinnen nicht spezialisiert sind.. Und denen diese Spezialkompetenzen auch nicht abverlangt werden dürfen.. „Viele Kinder sind überreizt“, sagt Martina Bauser.. Sie leitet das

multiprofessionelle Team.. Woran diese völlige Überreizung liegt, ist nicht klar – wahrscheinlich auch am Medienkonsum.. Neben sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten sind auch seelisch und soziale Auffälligkeiten zu beobachten: „Selbstregulation ist ein großes Thema.“ Dazu gehört, angemessen auf Reize zu reagieren und zum Beispiel nicht mit einem Wutanfall oder einer Depression.. Gosheim ist absolut keine Ausnahme.. Was die Fachkräfte erzählen, ist Alltag in den Kindergärten der Republik, und zwar auf dem Land genauso wie in den

Städten.. Nur: Gosheim geht anders damit um und lässt sich diesen Umgang eine ganze Stange Geld kosten: Projektiert sind ursprünglich 300.000 Euro pro Jahr, aber derzeit werden de facto für 2,45 Stellen, verteilt auf fünf Köpfe, 150.000 Euro aufgewendet.. Riesenspende von der Stiftung 20.000 davon kommen vom Landkreis plus Einzelfallhilfen.. Unendlich dankbar, gerade in diesen Zeiten der sinkenden Einnahmen, ist Kielack der Hildegard und Katharina-Hermle-Stiftung, die 300.000 Euro zur Verfügung stellt.. Auf drei Jahre ist

die Förderung jedenfalls erstmal gesichert.. In Sachen Förderung und Erziehung ist der Heuberg einzigartig: Das Projekt mit dem multiprofessionellen Team „Kind im Zentrum“, das nicht nur die Kindergärten umfasst, sondern auch Eltern- und Netzwerkarbeit, geht wie die Schulsozialarbeit und der „Erziehungskompass Heuberg“ einen anderen Weg als viele andere.. Machen, statt motzen Wenn es an Erziehungskompetenz mangelt, müssen die Eltern in die Lage versetzt werden – wenn das aber nicht klappt, dann steuern die Kitas mit

fachspezifischen Methoden (Nicht Therapie!) dagegen.. Machen statt motzen.. „Es kann doch nicht sein, dass die Kinder da auf der Strecke bleiben!“, sagt Bürgermeister Kielack – und er meint nicht nur die Kinder, die zusätzlichen Förderbedarf haben, sondern auch die anderen, für die die Erzieherinnen dann oft nicht mehr genug Zeit haben.. Aber die Eltern hätten eine Mitwirkungspflicht, sagt der Bürgermeister.. „Wenn sie sich verweigern, fliegen sie raus.“ Die Ansage ist klar.. Aber es brauchte sie

– bis auf ein Mal vor Jahren – gar nicht: „Das Angebot wird von den Eltern dankbar angenommen.“ Niederschwellige Angebote helfen, dass die förderbedürftigen Kinder nicht stigmatisiert werden – und die anderen nicht vernachlässigt.. Zahl der nicht schulreifen Kinder steigt Und klar ist auch: „Je früher die Defizite angegangen werden, desto besser.“ Jahr für Jahr hätte die Schulleiterin zurückgemeldet, dass die Zahl der nicht schulreifen Kinder steigt, so Kielack.. Diese haben dann auch Probleme in

der Schule und immer so fort.. Dabei brauchen die heimischen Betriebe händeringend gute Azubis.. Er würde sich wünschen, dass das Gosheimer Modell wissenschaftlich begleitet werde, denn er ist überzeugt davon, dass es Wirkung zeigt.. Eigentlich, so habe der Gemeinderat formuliert, sollte das im ganzen Land geschehen: „Und nicht die Mittelverteilung bei den 14-jährigen Intensivstraftätern ansetzen.“ Gosheim hat noch den St.. Franziskus-Kindergarten und den evangelischen Kindergarten – und alle teilen sich die Fachkräfte für die besondere

Förderung.. Erzieherinnen werden entlastet Nebeneffekt sei, so Martina Bauser, dass die regulären Erzieherinnen nicht nur entlastet werden, sondern auch Tipps und Ratschläge für die tägliche Arbeit in den Gruppen bekommen können.. Das entspreche auch der Fürsorge der Arbeitgeber für die Mitarbeiterinnen, sagt Kielack.. Aber es geht nicht nur um Gefühle, innere Unruhe und die Unsicherheit, wo sich Körper und Geist im Raum und in der Gesellschaft befinden, sondern auch um Sprache.. Einfache Dinge wie balancieren

oder auf einem Bein stehen, werfen, hüpfen – Körperkontrolle und Körperspannung gehen bei manchen Kindern ebenso wenig, wie das Formulieren eines korrekten einfachen Satzes: „Ich gehe mit dem Hund in das Haus“ – für manche angehenden Schulkinder eine Unmöglichkeit.. „Wenn die Schulleiterin kommt und sagt, von 40 Kindern sind sechs nicht schulreif, dann lässt einen das nicht kalt“, sagt Kielack.. Er stemmt sich dagegen, dass Kinder von vorneherein aus dem Raster fallen.. Eltern wollten das

Beste für ihre Kinder, wüssten aber oft gar nicht mehr, wie erziehen geht.. Deshalb sei Aufklärung so wichtig, sagt Martina Bauser.. „Wir sprechen die Eltern respektvoll und auf Augenhöhe an“, sagt sie.. Martina Bauser ist mit Unterbrechungen seit 1993 Erzieherin und kennt die Realitäten und Entwicklungen.. Sie bildet die Schaltstelle nach innen und nach außen und arbeitet auch selbst mit den Kindern.. Kinder haben keine Worte mehr für ihre Gefühle Aber was ist das genau,

was vielen Kindern fehlt, wenn von Selbstregulation die Rede ist?. Mit „Sitz still!“ ist es eben nicht getan.. Viele Kinder verstehen nicht, wo ihre Grenzen innen und außen sind.. Das Gefühl, sich selbst im Raum zu verorten, auch wenn man die Augen zumacht und auf einem Bein steht.. Oder die eigenen Gefühle zu erkennen und auch benennen zu können.. Spannung selbstbestimmt abbauen zu können, Frust und Misserfolg auszuhalten und nicht zu „explodieren“, solche Sachen.. Ein

Parcours im Turnraum macht das anschaulich.. So fühlt es sich an, auf einer geriffelten Schlange zu balancieren.. Oder: Mit einem 2,7 Kilogramm schweren Gewichtstier die eigene körperliche Grenze zu spüren.. Erwachsene kennen das mit Stressdecken.. Das sind ganz schwere Decken, die das Nervensystem beruhigen.. Deshalb sind auch Tragetücher und das Einwickeln von Kindern, wie es in vielen Kulturen geschieht, nützlich für die Körperwahrnehmung und die Regulierung des überreizten Nervensystems, sagt Hanna Hauser.. Alle Kinder lieben

den Parcours Alle Kinder lieben den Parcours.. Mit einem Würfel eine Zahl würfeln, die sich merken, dann alle möglichen Balance- und Spielübungen machen, hüpfen, durch Tunnel klettern und anderes – und dann zum Schluss genau so viele Puzzleteile wie vorher auf dem Würfel standen, aus dem Eimer holen und in ein Puzzle einfügen.. Was für ein Erfolg!. Für die Kinder ist das Spiel.. Für die Zukunft ist das: Leben.

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