«Gänsehaut»: Schuster denkt in der Euphorie auch an Streich

Julian Schuster wirkte in Vigo regelrecht elektrisiert, fast schon ein wenig neben der Spur vor lauter Adrenalin. «Ich bekomme schon wieder eine Gänsehaut», sagte der SC-Coach, als das Gespräch auf seinen Vorgänger Christian Streich kam. Man konnte fast das leise Surren der Flutlichter über dem Stadion hören, während er erzählte, wie er den Moment erlebte, als Streich beim Hinspiel gegen Celta Vigo auf der Anzeigetafel erschien. Das habe ihn unglaublich motiviert – vielleicht ist das auch das Geheimnis hinter dieser ganzen Europapokal-Reise, wer weiß das schon so genau.
Seit Donnerstagabend ist es offiziell: Der Ritt geht weiter. Nach den souveränen Auftritten gegen Celta Vigo, erst das 3:0, dann das 3:1 in Spanien, steht der SC Freiburg im Halbfinale der Europa League. Dort wartet Sporting Braga am 30. April und 7. Mai. Aber Moment mal, da war ja noch was: Am kommenden Donnerstag steht das DFB-Pokal-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart an. Es ist fast ein bisschen viel, oder? Überall diese Termine, diese hohen Ziele. Könnte Freiburg tatsächlich im Mai um zwei Titel spielen? In Istanbul international und in Berlin national? Wenn man die Jungs so sieht, traut man ihnen momentan irgendwie alles zu.
Vincenzo Grifo fand den Auftritt in Vigo «sehr erwachsen». Er wirkte auf dem Rasen wie ein Mann, der genau wusste, was er da tut, und gestand später, wie «unglaublich stolz» er sei. Schuster, der den Fokus und die Energie lobte, wirkt dabei wie jemand, der immer noch kurz innehalten muss, um den ganzen Wahnsinn der Saison zu begreifen. Wobei – er muss ja schon wieder funktionieren, schon wieder an das Liga-Spiel gegen den 1. FC Heidenheim am Sonntag denken. Das ist halt das Tagesgeschäft, das geht einfach immer weiter, egal wie sehr man gerade von Europa träumt.
«Es steckt so viel von ihm in mir», sagt Schuster über Streich. Beide haben den Club tief im Herzen, beide sind mit ihm gewachsen, eine fast schon symbiotische Verbindung. Es ist diese Art von Demut, die Schuster ausstrahlt – vielleicht ist das genau das, was den Erfolg gerade so stabil hält. Streich selbst sieht in ihm die «optimale Lösung», auch wenn er zugibt, dass er vom Erfolg fast schon ein wenig… naja, nicht überrascht, aber eben doch sehr erfreut ist.
Jochen Saier, der Sportvorstand, ist da deutlicher: Das gesamte Trainer-Team arbeite akribisch, aber Schuster mache es «vor der Gruppe außergewöhnlich gut». Früher ging es bei Freiburg oft um den Klassenerhalt, heute geht es um Trophäen. Es ist eine seltsame, aber schöne Zeit für den Verein.
Schuster jedenfalls kann von diesen Reisen gar nicht genug bekommen. Er wird die Abende wie in Vigo sicher nie vergessen. Er sprach davon, dass er das noch seinen Enkeln erzählen wird – und kurz, nur ganz kurz, wirkte es, als würde er sich schon wieder den nächsten Satz überlegen, den er dann doch nicht aussprach, weil ihn der nächste Gedanke an den Spielplan wieder einholte.