Buckelwal in Wismar: Schleppverband mit „Timmy“ ist auf dem Weg in die Nordsee

Der Poeler Buckelwal „Timmy“ wurde am Dienstag in eine Barge verladen. Doch Experten warnen: Erst die tagelange Passage ums Skagerrak und die Zeit nach der Freilassung entscheiden über sein Überleben.
WISMAR/MECKLENBURG-VORPOMMERN.. Der Poeler Buckelwal, der zuletzt wochenlang in flachen Gewässern festhing, ist nach dem Verladen nun auf dem Weg in die Nordsee.. Der Schleppverband Richtung Nordspitze Dänemarks passiert dabei das Skagerrak – ein Schritt, der aus Sicht vieler Experten erst den Anfang der eigentlichen Bewährungsprobe markiert.
Was bislang wie ein Abschluss wirkte, ist nach Einschätzung von Fachleuten eher ein Zwischenstand: Zwar wurde der Wal am Dienstag erfolgreich in die Barge getrieben, Umweltminister Till Backhaus sprach auch am Mittwoch von einem gelungenen Versuch.. Doch der Transport ist nur der Auftakt – der Buckelwal muss jetzt noch mehrere Tage durch das Meergebiet gelangen und vor allem langfristig überleben.
Experte Fabian Ritter, Walforscher und Meeresbiologe, stellt dabei eine grundlegende Frage: Wie gut ist der Körper nach der langen Liegezeit noch in der Lage, normal zu schwimmen und zu tauchen?. Zusätzlich gibt es Hinweise auf mögliche Beeinträchtigungen bei der Nahrungsaufnahme.. In seinem Maul wurden Netzteile gefunden; nach Angaben des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund ist aus Regionen um Großbritannien und Kanada bekannt, dass Bartenwale mit Netzresten in den Barten häufig die Nahrungsaufnahme verweigern.. Damit wäre das Problem nicht nur die Flucht aus der akuten Not – sondern auch das Wiederankommen im Lebensrhythmus.
Warum das „Verladen“ nicht das Ende ist
Der zeitliche Verlauf macht deutlich, warum Experten so vorsichtig bleiben.. Der Wal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden und hielt sich seitdem in weiten Teilen in Flachwasserzonen auf – etwa zwei Drittel der Zeit.. Das passt zu Beobachtungen, nach denen Großwale bei Erschöpfung vermehrt flache Küstengewässer mit weichem Untergrund aufsuchen.. Wenn der Zustand jedoch so lange angespannt bleibt, ist die Rückkehr in normales Verhalten mit Risiken verbunden.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) nennt Kriterien, die erst wirklich auf eine Rettung hindeuten: Der Wal soll wieder in den Nordatlantik zurückkehren, seine Haut soll sich vollständig erholen, und er soll wieder eigenständig auf Nahrungssuche gehen, Gewicht zulegen und sein natürliches Verhalten zeigen.. Nach WDC-Einschätzung hat „Timmy“ derzeit keine langfristigen Überlebenschancen – ähnlich formuliert es auch die Internationale Walfangkommission (IWC), die davon ausgeht, dass das Tier nach dem Freisetzen kaum überleben wird.
Auch die Frage, wo genau die Freilassung stattfinden soll, bleibt ein Kernpunkt.. Nach Angaben aus dem Team der Privatinitiative soll der Wal in der Nordsee ins Wasser gelassen werden.. Der genaue Ort war zunächst nicht fest.. Experten sehen dafür große Risiken: Der Wal sei stark geschwächt und könne im offenen Meer keine geeignete Ablagemöglichkeit finden – damit bestehe die Gefahr des Ertrinkens.. WDC betont zudem, dass ohne detaillierte Informationen zur Freilassung und Wiedereingliederung die entscheidende, „wirklich heikle“ Phase bevorstehen könne.
Der Stressfaktor Transport und das unsichtbare Risiko
Während der Wal in der Barge als „pudelwohl“ beschrieben wurde, sehen viele Fachleute den Zustand deutlich skeptischer.. Ritter sagt, der Gesundheitszustand sei grundsätzlich nicht gut – und dass diese Einschätzung von allen geteilt werde, auch von Befürwortern der Rettungsaktion.. Nach einer Vorgeschichte mit Verfangenwerden in Netzen, wochenlangem Umherirren und mehreren Selbststrandungen seien deutliche Zeichen dafür erkennbar, dass das Tier alles andere als fit ist.. Das beobachtete Verhalten sei insgesamt passiv gewesen.. In gesundem Zustand zeigen Buckelwale hingegen ein deutlich aktiveres Bewegungs- und Verhaltensrepertoire.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Punkt: Lärm.. Der Transport führt den Schleppverband laut Schilderungen durch vielbefahrene Gebiete wie den Fehmarnbelt.. Wale und Delfine leben in einer Welt des Schalls, Stress durch Lärm könne die Belastung weiter erhöhen.. Ritter veranschaulicht die Situation mit einem drastischen Vergleich: Mehrere Tage unter intensiver Einwirkung seien wie einem Menschen drei Tage lang eine helle Lampe ins Gesicht zu halten.. WDC spricht außerdem davon, dass Wildtiere unter solchen Bedingungen eine stressbedingte Schädigung der Muskulatur entwickeln können – eine Fangmyopathie, die durch Angst, Anstrengung und Transport entsteht.
Wohin mit den Daten – und wer beobachtet das Ende der Reise?
Ob die Maßnahme wirklich erfolgreich wird, dürfte sich nicht nur an einem Moment festmachen lassen, sondern an dem, was danach passiert.. Der Wal wurde zunächst mit einem Sender ausgestattet, der unter Wasser nicht funktioniert.. Die Privatinitiative erklärte, man wolle mit einem neuen GPS-Sender nachbessern.. Ohne verlässliche Ortungsdaten drohe, dass das geschwächte Tier unbemerkt sterben könnte – in Tagen oder Wochen nach der Freilassung.
Dabei geht es auch um Transparenz: Die Informationen, wo sich der Wal befindet, sollen vorerst nur dem Team der Privatinitiative und dem Schweriner Umweltministerium zugänglich sein.. Eine Rechtsanwältin der Initiative sagte, man wolle vermeiden, dass Menschen gezielt losführen und nach dem Wal schauen.. Gleichzeitig betont das Meeresmuseum, dass für eine langfristige Bewertung und für künftige Rettungen wesentliche Daten fehlen würden, wenn sie nicht öffentlich oder zumindest umfassend zugänglich gemacht werden: Trackerdaten in Echtzeit, Live-Videomaterial während des Transports und zur Freilassung.
Die zentralen Fragen, die sich viele Menschen nach dem Schlepper-Bild am Hamen fragen werden, sind damit klar: Wie stabil bleibt der Wal nach der Freilassung?. Kann er wieder Nahrung finden, tauchen und Energie aufbauen?. Und lässt sich sein Weg im Nordatlantik so dokumentieren, dass Fachleute später wirklich lernen können, was funktioniert und was nicht?
Ein Teil der Antwort liegt in der Nachbeobachtung.. Für WDC wäre ein deutliches Indiz, dass der Wal seinem natürlichen Verhalten nachgeht, wenn er in den nächsten Jahren bei Wanderungen in nördlichen Nahrungsgründen und späteren Paarungsgebieten wieder gesichtet und anhand einer Foto-ID eindeutig identifiziert wird.. Bis dahin bleibt die Lage zwar hoffnungsvoll – aber nicht entschieden.. Die eigentliche Prüfung steht erst an, wenn „Timmy“ die Nordseephase übersteht und anschließend zeigen muss, ob sein Körper die Rückkehr ins freie Leben wirklich verkraftet.