Bitte, nach Ihnen!: Brauchen wir einen Hobbysport-Knigge fürs Schwimmen?

Ein Aufenthalt im Hallenbad gleicht oft einem sozialen Minenfeld. Zwischen Kraulbahnen und Rollwenden stellt sich die Frage: Welche Benimmregeln gelten eigentlich im Wasser? Ein Plädoyer für mehr Etikette beim Bahnenziehen.
Endlich, der Beckenrand.. Mit letzter Anstrengung erreichte ich ihn keuchend und schnaufend, um eine Pause einzulegen.. Da kam er schon daher: mein Bahnkumpan.. Beide hatten wir uns für die Kraulgeschwindigkeit «schnell» entschieden.. Entsprechende Schilder laden die Besucherinnen und Besucher des Hallenbads jeweils zur Selbstbefragung ein: Traust du dich in die Profibahn in der Mitte?. Oder nimmst du es lieber gemütlich und steigst ganz links ein, dafür musst du ein paar Aqua-Jogger umschiffen?
Ich gebe zu, vielleicht wäre in meinem Fall «mittel» treffender gewesen.. Weil aber die entsprechende Bahn mit vier Schwimmerinnen und Schwimmern schon nahezu überbelegt war und ich mich daran erinnerte, dass Frauen dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen, wählte ich selbstbewusst «schnell».. Gerade wollte ich also pausieren und trat im Wasser zur Seite, damit der andere Schwimmer eine Rollwende absolvieren konnte.. Er tauchte aber ebenfalls auf und stellte sich neben mich.. Dann der übliche Eiertanz
der Höflichkeit: Gehst du zuerst?. Nein, du kannst schon!. Ich kam mir letzthin schon fast unwirsch vor, als ich es wagte, ohne die eingeübten Handzeichen des Vortrittslassens eine weitere Länge in Angriff zu nehmen.. Was Gepflogenheiten im Chlorwasser angeht, hielt ich mich also für ziemlich kompetent.. Eines Tages aber, ich hatte gerade einige Hundert Meter zurückgelegt, liess sich eine weitere Schwimmerin in «meine» Bahn gleiten.. Und: Sie grüsste mich.
Meine Verunsicherung war perfekt.. Die Anwesenden zu grüssen, das ist mir bisher nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen.. In der Wassercommunity muss ich als absolut rücksichtslos gelten.. Seither sehne ich mir fürs Hallenbad herbei, was in der Jogginggemeinschaft schon lange verbreitet ist: einen Hobbysport-Knigge.. Beim Laufen wurden Benimmregeln, gerade was das Grüssen angeht, dankbarerweise auf diversen Blogs festgehalten.. Dort steht etwa, dass es Regeln gibt, wer wem zuerst den Gruss entbietet (die Einzelperson der
Gruppe) und was gar nicht geht (überlange Grussformeln).. Speziell bei einem Punkt würde ich dafür plädieren, dass für Schwimmerinnen und Schwimmer ebenso gelten sollte, woran man sich im Jogging hält: Aufs Hallosagen wird verzichtet, wenn jemand «erkennbar oberhalb seiner aerob-anaeroben Schwelle» trainiert.. Oder anders: Es wäre sehr rücksichtsvoll von Ihnen, die Person, die gerade mit hochrotem Kopf um Luft ringt, sichtbar unfähig zum Sprechen, mit Grussformeln (ob kurz oder lang) zu verschonen.. Also mich, besten
Dank.
Die soziale Dynamik im Schwimmbecken ist komplex, da man sich in einer geschlossenen Infrastruktur bewegt, in der jeder sein eigenes Tempo verfolgt.. Während man auf der Laufbahn im Park meist ausweichen kann, sind die Schwimmbahnen ein eng begrenzter Raum, der ständige Koordination erfordert.. Das Fehlen expliziter Verhaltensregeln führt oft zu unnötigen Spannungen, die den Erholungswert des sportlichen Trainings mindern können.
Warum fällt uns die Kommunikation unter Wasser so schwer?. Vielleicht liegt es an der Isolation durch die Schwimmbrille und die Atemtechnik, die uns zu Einzelgängern macht.. Doch ein Mindestmaß an nonverbaler Kommunikation, etwa durch ein kurzes Nicken vor dem Wenden, könnte das Chaos auf der Bahn deutlich reduzieren.. Misryoum beobachtet, dass die Nachfrage nach solchen informellen Leitfäden in Sportkreisen stetig wächst.
Letztlich bleibt der Wunsch nach einer ungeschriebenen Übereinkunft bestehen: Respekt vor der Leistung des anderen, verbunden mit dem Wissen, wann man besser schweigt.. Wer im Wasser grüsst, meint es sicher nur gut, doch wer im Wasser keucht, will nur seine Ruhe – und eine freie Bahn.. Vielleicht sollte das nächste Schild am Beckenrand nicht nur Geschwindigkeiten angeben, sondern auch ein paar goldene Regeln der sportlichen Fairness.