Als Frau bei der Gütersloher Kripo: Jutta Mohaupt erinnert sich

Von spöttischen Sprüchen vor 50 Jahren bis zu mehr Frauen in Führungsrollen: Die Gütersloher Kripo zeigt, wie sich Gleichstellung verändert hat – und wo noch Luft nach oben bleibt.
Gütersloh – „Als Frau bei der Kripo, das war neu“: So beschreibt Jutta Mohaupt den Start ihrer Laufbahn vor rund einem halben Jahrhundert.
Damals, als sie als Seiteneinsteigerin zur Polizei ging und am Tatort aus dem Wagen stieg, traf sie nicht nur auf Einsatzalltag, sondern auch auf Kommentare.. „Jetzt bringen die Polizisten schon ihre Freundinnen mit zum Einsatz“, soll es ihr nach wie vor zu Ohren gebracht haben.. Es klingt heute schief – aber es erzählt von einem Umfeld, in dem Frauen in Ermittlungsarbeit noch nicht selbstverständlich waren.. Dass sie trotzdem blieb, hatte auch mit den ersten Rückhalt-Momenten zu tun: „Meine Eltern fanden das gut“, sagt die heute 69-Jährige.
Vor einem Jahrhundert wurde Josephine Erkens als erste deutsche Kriminalkommissarin ernannt – als Pionierin, die bundesweit Beachtung fand.. Für Mohaupt ist die Verbindung zur eigenen Zeit klar: Auch sie gehört zu einer frühen Generation.. Als sie 1976/77 in der neu aufgebauten Kripo-Szene in Gütersloh anfängt, arbeiten dort nach ihren Angaben gerade einmal sieben Ermittlerinnen.. Für sie war es ein Sprung in eine Männerdomäne, in der ihre Kolleginnen und Kollegen zwar meist korrekt auftraten – aber nicht immer.. Blöde Bemerkungen gab es trotzdem, sogar bis zu einem Polizeiarzt, der sich über die Oberweite junger Kolleginnen verstieg.
Dass derartige Situationen nicht zur Bremse werden, ist bei Mohaupt auch an ihrer Art erkennbar: Sie ließ sich nicht abschrecken und wurde später selbst in Führungsrollen wahrgenommen.. Insgesamt 18 Jahre lang übte sie verschiedene Funktionen aus, ehe sie 2018 in den Ruhestand ging.. Wenn sie heute auf diese Strecke zurückblickt, wirkt der Weg nicht wie eine geradlinige Erfolgsgeschichte, sondern wie eine Folge von Aushandlungen: zwischen Beruf und Familie, zwischen Haltung und Praxis.
Warum Gleichstellung über Jahre mehr als nur ein Schlagwort sein muss, erklärt auch, wie sich Rahmenbedingungen verändert haben.. Mohaupt nennt das Landesgleichstellungsgesetz von 1999.. Für die Polizei wurde damit stärker verankert, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur ein privater Wunsch, sondern politisch und organisatorisch gedacht werden muss.. „Ich will beides: Familie und Beruf.. Beides sollte machbar sein“, sagt Mohaupt.. Diese Perspektive ist in der Einsatzwelt besonders relevant, weil dort Planung, Bereitschaft und persönliche Verfügbarkeit häufig dicht beieinanderliegen.
Heute beschreibt die 24-jährige Kriminalkommissarin Frederike Beckmann ihre Rolle als „total der Normalfall“: Anders behandelt werde sie nicht, zumindest spüre sie keine Benachteiligung im Alltag.. Selbst die Leitung in ihrem Kriminalkommissariat sei weiblich.. Und auch wenn es im Einsatz manchmal vorkommt, dass eine Person lieber mit einer Frau oder einem Mann spricht, sei das kein Nachteil, sondern Teil der Realität bei Befragungen und Kontaktaufnahme.
Die Zahlen in Gütersloh stützen dieses Gefühl zumindest teilweise.. Bei der Kreispolizeibehörde arbeiten in der Kripo 66 Männer und 57 Frauen.. Betrachtet man alle Polizeibeamten, sind es 302 Männer und 196 Frauen.. Gleichzeitig zeigt der Blick auf Führungspositionen: Dort ist der Weg noch nicht abgeschlossen.. 2018 waren 10,8 Prozent der Führungsrollen von Frauen besetzt, 2022 bereits 20,2 Prozent.. Rechnet man diese Entwicklung gegen ein ausgeglichenes Verhältnis, fehlen noch rund 30 Prozent.
Wie wird das in der Praxis gelöst?. Mit konkreten Instrumenten und mit Änderungen, die den Lebensalltag betreffen.. Henrike Lüdke, seit 2021 Gleichstellungsbeauftragte der Gütersloher Polizei, betont: Über die Jahre gab es deutliche Veränderungen, doch „nicht am Ziel“ sei man.. Eine Hürde sei dabei die Frage, wie Führung auch in Teilzeit etabliert werden kann – damit Karrierewege und persönliche Lebensplanung nicht gegeneinander ausgespielt werden.. Dazu passt, was Polizeisprecher Mark Kohnert schildert: Beurteilungen und Beförderungen seien bereits vor Jahren unter Gleichstellungsaspekten angepasst worden.. Mohaupt berichtet zudem von einer Erfahrung, die früher kaum vorstellbar gewesen wäre: Frauen seien selbst im Wochenbett befördert worden.
Auch die sogenannte „Frauenquote“ bei Beförderungen ist in vielen Debatten ein emotionaler Begriff.. Mohaupt beschreibt, dass es Ängste bei männlichen Kollegen gegeben habe und Fragen bei der Vollversammlung.. In der Praxis sei es jedoch so gut wie nie passiert, dass Frauen „vor allem wegen ihres Geschlechts“ ihren männlichen Kollegen vorgezogen wurden.. Dennoch bleibt die Diskussion ein Spiegel dafür, wie empfindlich Gleichstellungsmaßnahmen manchmal auf Veränderungen reagieren – und wie wichtig daher Transparenz und klare Regeln sind.
Am Ende geht es in Gütersloh nicht nur um Zahlen, sondern um Vorbilder, Erfahrung und konkrete Strukturen.. Beckmann verweist darauf, dass für Führungspositionen zunächst Erfahrung und ein gewisses Alter dazugehören.. Mohaupt selbst wurde nach eigenen Angaben sogar darauf angesprochen, ob sie nicht in den Höheren Dienst wechseln wolle.. Doch sie entschied sich dagegen – weil ein Wechsel womöglich bedeutet hätte, in andere Regionen ersetzt zu werden, während ihre Familie in Gütersloh bleiben sollte.. Kohnert bringt es auf den Punkt: Mohaupt sei für manche Kollegin selbst zum Vorbild geworden.
Damit bleibt ein nüchterner, aber hoffnungsvoller Befund: Die Kripo in Gütersloh hat sich sichtbar geöffnet, aber die Entwicklung hin zu mehr Gleichgewicht in Führungsrollen läuft weiter.. Genau dort entscheidet sich künftig, ob „Normalfall“ nicht nur ein Gefühl ist – sondern dauerhaft auch in den Positionen ankommt, die den Kurs mitbestimmen.